Zur Geschichte der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR)

Internationalismus im Widerstand

Die sechzigjährige Geschichte der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) ist untrennbar verbunden mit dem Internationalismus im antifaschistischen Kampf der Völker. Internationalismus war und ist die Antwort auf die nationalistische und chauvinistische Ideologie der jeweiligen faschistischen Herrschaft, ob in Deutschland, Italien, Spanien, Bulgarien oder in anderen Ländern. Faschistische Ideologie und Politik war und ist eine direkten Bedrohung für alle Völker, sie war und ist verbunden mit imperialistischen Expansions- und Herrschaftsplänen. Sie konnten und können nur im gemeinsamen Kampf aller von diesen Regimen bedrohten Länder und Völker bekämpft werden.

Dieser antifaschistische Kampf war ein Bündnis der Völker, das sich in praktischer Solidarität mit den Verfolgten und im Widerstand zeigte. Dazu gehörte die Rettung von Verfolgten und die Unterstützung von Widerstandsgruppen bei der grenzüberschreitenden antifaschistischen Arbeit. Auch in den Ländern des Exils war dieser Internationalismus lebendig. Er schuf die Rahmenbedingungen, dass in Prag der Exilvorstand der SoPaDe arbeiten konnte, in Moskau das ZK der KPD, in London der „Deutsche Kulturbund“ und in anderen Ländern deutsche Antifaschisten im Exil Komitees „Freies Deutschland“ und andere politische Strukturen des antifaschistischen Handelns aufbauen konnten.

Antifaschismus als Internationalismus zeigte sich besonders deutlich im Kampf für die Verteidigung der Spanischen Republik. Hier formte sich der Internationalismus in den Internationalen Brigaden, die – gegen die angebliche Nichteinmischungshaltung der Westmächte – praktische Solidarität mit der bedrohten Republik übten. Die Kraft der internationalen Solidarität vermochte es, den faschistischen Vormarsch mehrere Monate erfolgreich aufzuhalten. Viele Antifaschisten zogen mit dem Bewusstsein nach Spanien, dort nicht nur Franco zu stoppen, sondern damit indirekt auch der faschistischen Bedrohung in ihrem eigenen Land entgegenzutreten. Und nicht nur in Spanien lebte der Internationalismus. Die Teilnahme ausländischer Antifaschisten in den Reihen der Armeen der Anti – Hitler – Koalition und im bewaffneten Widerstand der Völker war ein sichtbares Zeichen für diese Gemeinsamkeit der antifaschistischen Idee über Grenzen, Nationen und Völker hinweg.

Internationalismus findet sich auch in den Konzentrationslagern. Durch die vertrauensvolle illegale Zusammenarbeit von deutschen und ausländischen Häftlingen wurde das gemeinsame Überleben gesichert. In fast allen größeren Lagern bildeten sich konspirativ internationale Häftlingskomitees. Im KZ Buchenwald gelang es, sogar eine illegale Internationale Militärorganisation aufzubauen, die die Basis für die Selbstbefreiung der Häftlinge am 11. April 1945 bildete. Und es war nur konsequent, dass die befreiten Häftlinge des Lagers am 19. April 1945 einen gemeinsamen Schwur sprachen, der bis heute das Vermächtnis aller Überlebenden des KZ Buchenwald ist, aus welchem Land auch immer sie kommen.

Die Gründung der Internationalen Föderation ehemaliger politischer Gefangener (FIAPP)

Die Widerstandskämpfer und Verfolgten des Naziregimes wollten mit politischer Stimme den Prozess der demokratischen Neugestaltung unterstützen. Zu diesem Zweck fanden sich schon 1945 Vertreter von Organisationen der politischen Häftlinge und Widerstandskämpfer aus 17 europäischen Ländern aus Ost und West zusammen, um im Februar 1946 in Warschau die FIAPP (Fédération Internationale des Anciens Prisonniers Politiques, Internationale Föderation ehemaliger politischer Gefangener) zu gründen. Die Ziele der FIAPP wurden im Statut folgendermaßen formuliert:
„Tatkräftig zu kämpfen für die totale Unterdrückung des Faschismus in allen seinen Formen und überall, wo er zutage tritt, und für die Ausmerzung der faschistischen Ideologie;
mit allen Mitteln jede sichtbare und unsichtbare Tätigkeit zugunsten einer Wiedergeburt des Faschismus zu bekämpfen. …
eine Tätigkeit zu entwickeln, die darauf abzielt, die internationale Solidarität für die enge Zusammenarbeit der Völker auf den verschiedenen Gebieten des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens zu stärken, damit ein dauerhafter Weltfrieden gesichert und ein neuer Krieg verhindert wird. …
die Interessen der ehemaligen politischen Gefangenen bei den Regierungen und anderen nationalen und internationalen Dienststellen zu vertreten …
zu kämpfen für die demokratische Erziehung der Völker; den Opfern der faschistischen Barbarei Denkmäler zu errichten und die Gedenksteine der Märtyrer zu pflegen; internationale Archive bezüglich der faschistischen Gefängnisse und Lager einzurichten.“
Diese Ziele sind selbst 60 Jahre danach noch hochaktuell.

Mitglied in der FIAPP waren über Länder- und Parteigrenzen hinweg jene Verbände, „die sich in Treue zu den Idealen der Freiheit in brüderlicher Verbundenheit gegen die faschistische Unterdrückung auflehnten. Die Überlebenden der ruhmreichen Partisanenverbände, die an der Seite der Alliierten Armeen den Sieg über Hitlerdeutschland erkämpften, die Überlebenden der Internationalen Brigaden aus dem Freiheitskampf des spanischen Volkes, die große Zahl der illegalen Kämpfer gegen den Nazismus und schließlich alle aus religiösen und nationalen Gründen Verfolgten, die der Hölle der faschistischen Konzentrationslager und Kerker entkamen.“ (Unser Appell, 1. Juli 1948)

Der Kalte Krieg ging auch an der FIAPP nicht spurlos vorbei. Dabei führten die Konflikte innerhalb der sozialistischen Staaten (Auseinandersetzung UdSSR und Jugoslawien) zu einer ungerechtfertigten Ausgrenzung des jugoslawischen Partisanenverbandes SUBNOR. Die Ost-West-Konfrontation sorgte dafür, dass sich in Westeuropa, besonders in Frankreich und Italien neben den FIAPP – Mitgliedsverbänden weitere Organisationen der Partisanen, Deportierten und Opfer des Faschismus bildeten. Statt die Einheit der Widerstandskämpfer zu fördern drohte ein Auseinanderdriften der politischen Kräfte des Antifaschismus.

Ein neuer Anfang – die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) entsteht

Daher wurde Anfang der 50er Jahre der Versuch unternommen, die unterschiedlichen Positionen und Organisationen ehemaliger Widerstandskämpfer und Deportierter im Interesse der politischen Wirksamkeit der Stimme der Widerstandskämpfer in ganz Europa zusammenzuführen, denn die Aufbruchseuphorie des antifaschistischen Neubeginns war durch die Realität der zunehmenden Restauration und Remilitarisierung, der Ost-West-Spannung und zunehmenden Kriegsgefahr verflogen.

So war 1951, das Gründungsjahr der Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (Fédération Internationale des Résistants, FIR), „gekennzeichnet durch ein zunehmendes Aufflammen faschistischer und Nazipropaganda. Durch den Bruch des Bündnisses, das zwischen den Alliierten der Anti‑Hitler-Koalition bestanden hatte, begünstigt, boten sich alte Nazi und Neofaschisten in Ländern Westeuropas, die inzwischen in die atlantische Allianz eingegliedert waren, als antisowjetisches Bollwerk an.

In dieser prekären Situation erkannten die Menschen, die im antifaschistischen Widerstands‑ und nationalen Befreiungskampf gegen die nazistischen und faschistischen Aggressoren und Okkupanten aktiv teilgenommen und Leid und Verfolgung auf sich genommen hatten, dass der Zusammenschluss der europäischen Widerstandskämpfer ein Gebot der Stunde war, um der Wiedergeburt des Nazifaschismus entgegenzutreten, über die wiedererrungenen demokratischen Freiheiten zu wachen, die Werte der, Widerstandsbewegung zu verteidigen und jene Prinzipien zu stärken, die die Basis der Gründung der Organisation der Vereinten Nationen war. Dies war der Geist, aus dem die FIR geboren wurde und dem sie bis heute ihre unverbrüchliche Treue bewahrt hat.“ (Oskar Wiesflecker)

Mit der Gründung der Organisation im Sommer 1951 in Wien übernahm die FIR die Aufgabe, die politischen Vorstellungen und Visionen der Widerstandskämpfer „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ zu vertreten. Sie vertrat die Opfer des Faschismus in ihren sozialen und medizinischen Ansprüchen und sie arbeitete für das Gedenken der Widerstandskämpfer und der illegalen Widerstandsgruppen in vielen Ländern.

In den folgenden Jahrzehnte organisierte die FIR Kongresse über medizinische, politische und geschichtliche Themen. Schon in den 50er Jahren wurde die Notwendigkeit sichtbar gegen alle Formen gesellschaftlichen Vergessens die Erinnerung an die Leistungen und Verdienste des Widerstandskampfes zu bewahren. Dabei ging es auch um den Nachweis, dass die Zerschlagung des deutschen Faschismus nicht nur das Werk von Armeeverbänden war, sondern dass die Rolle der Partisanen und Widerstandskämpfer angemessen berücksichtigt wurde. Um die Erinnerung für die nachgeborenen Generationen zu bewahren setzte die FIR eine historische Kommission ein, die in insgesamt zehn „Internationalen Heften der Widerstandsbewegung“ Studien über den antifaschistischen Widerstand in verschiedenen europäischen Ländern veröffentlichte, darunter eindrucksvolle Berichte über die Aufstände in Paris, Prag und Norditalien. Auch der Widerstandskampf in den Konzentrations- und Vernichtungslagern und die internationale Beteiligung am nationalen Befreiungskampf in verschiedenen europäischen Ländern wurde dokumentiert, wobei dem jüdischen Widerstandskampf große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Ziel dieser Erinnerung war die historische Erziehung der jungen Generationen.

Auch die medizinischen und sozialen Konferenzen der FIR waren von hoher fachlicher Qualität. Es ging um die gesundheitlichen Folgen der Verfolgung in den faschistischen Haftstätten und die medizinischen Konsequenzen für Angehörige sowie um die Durchsetzung einer angemessenen Entschädigung. Immer wieder gab es mit Versorgungsstellen Streit darum, wie gesundheitliche Spätschäden der Haftzeit zu bewerten seien. Angesehene Mediziner setzten sich für die Belange der ehemaligen Verfolgten ein und trugen dazu bei, dass denen eine angemessene Versorgung und eine finanzielle Entschädigung zuteil wurde.

In der Zeit des Kalten Krieges war die Arbeit der FIR eng verbunden mit den Fragen von Frieden, Abrüstung, Verständigung und Zusammenarbeit von Staaten unterschiedlicher politischer Systeme. Die FIR gab den ehemaligen Widerstandskämpfern eine Stimme gegen die Politik militärischer Konfrontation und die real drohende Kriegsgefahr. Mitgliedsverbände in West und Ost unternahmen zahlreiche Initiativen zur Überwindung der Politik der Blockkonfrontation.

Hervorzuheben ist die politische Solidarität der FIR für die deutsche Mitgliedsorganisation VVN. Als die westdeutsche Regierung Ende der 50er Jahre versuchte, die Organisation der Verfolgten als „Nachfolgeorganisation der verbotenen KPD“ zu verbieten, organisierte die FIR eine internationale Solidaritätsbewegung für die VVN. Proteste aus fast allen europäischen Ländern führten zu einem Scheitern des Verbotsprozesses.

Eine zentrale Aufgabe war der Kampf gegen das Wiederaufleben neofaschistischer Organisationen und die politische Restauration besonders in der Bundesrepublik Deutschland. Immer wieder dokumentierte sie die Realität der faschistischen Verbrechen, um aufzuzeigen, welches die menschenverachtenden Resultate einer solchen Politik waren.
Sie beließ es aber nicht bei Aufklärungsarbeit. Als in der BRD Nazischmierereien immer unverschämter wurden und im Dezember 1959 mit der Schändung der Kölner Synagoge ein verabscheuungswürdiges Zeichen setzten, schlug die FIR vor, eine “Internationale Konferenz gegen das Wiederaufleben des Nazismus und Antisemitismus” einzuberufen. Gemeinsam mit der Internationalen Liga für Menschenrechte, der Union der israelischen Kultusgemeinden Italiens, der ANPPIA und der ANED initiierte sie diese Konferenz, an der Anfang März 1960 in Florenz 130 Delegierte aus 13 Ländern teilnahmen.

Eine weitere Etappe im Kampf gegen die Kräfte der Vergangenheit waren die konsequenten Aktivitäten gegen die Umtriebe ehemaliger SS‑Leute, die sich in der BRD in dem SS-Traditionsverband HIAG („Hilfsgemeinschaft ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS“) organisatorisch zusammengeschlossen hatten und immer provokanter in der Öffentlichkeit auftraten. Höhepunkt dieser Kampagne war das von der FIR angeregte “Internationale Treffen gegen das Wiedererstehen des Nazismus und Faschismus” im Oktober 1963 in Florenz. Unter dem Druck der von der FIR initiierten internationalen Protestkampagne mussten die SS‑Leute den Rückzug antreten und ihr geplantes “Europa‑Treffen” abblasen.

Die FIR in der Phase der Entspannungspolitik

Die FIR unterstützt die Schaffung eines Systems der Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Zusammen mit anderen Veteranenorganisationen, insbesondere dem Weltfrontkämpferverband (FMAC), bereitete die FIR ein „Welttreffen ehemaliger Kriegsteilnehmer für Abrüstung“ 1979 in Rom vor. Aufgrund vielfältiger Aktivitäten und Initiativen für Abrüstung und internationale Zusammenarbeit ernannten die Vereinten Nationen die FIR zum „Botschafter des Friedens“.

Die anhaltenden neonazistischen und rechtsextremistischen Umtriebe in mehreren Ländern Europas veranlassten die FIR, 1973 ein “Europäisches Treffen gegen Neonazismus und Neofaschismus” nach Brüssel einzuberufen, an dem 150 Delegierte aus 17 europäischen Ländern teilnahmen. Dieses Treffen und andere Aktionen trugen dazu bei, ein europäisches Neofaschisten-Treffen in Antwerpen zu verhindern. Als Folge dieser Aktivitäten sahen sich ein Jahr später selbst die spanischen Behörden genötigt, eine Veranstaltung der neofaschistischen Internationale in Barcelona zu untersagen.

Gegen die offenen Vertreter faschistischer Traditionspflege und Geschichtsrevision wie HIAG oder neofaschistische Gruppen organisierte die FIR in Straßburg und Köln Massendemonstrationen und andere Aktivitäten. Mehrere zehntausend Menschen demonstrierten gegen die SS-Verbände und gegen eine Verjährung von Nazi- und Kriegsverbrechen. Während die westdeutsche Regierung schon zu Adenauers Zeiten versucht hatte, einen juristischen Schlussstrich unter die Verfolgung der faschistischen Verbrechen zu ziehen, gelang es der internationalen Bewegung der Widerstandskämpfer, die juristische Verjährung von Naziverbrechen in Deutschland zu verhindern. Das war ein politisches und juristischen Signal, dass die Prinzipien der Völkergemeinschaft für das in Nürnberg formulierte internationale Recht dauerhafte Gültigkeit haben sollten.

Die FIR in der Gegenwart

Wie andere Organisationen auch musste die FIR in den 90er Jahren auf die Veränderungen der politischen Verhältnisse in der Welt reagieren. Die sozialen und politischen Probleme ehemaliger Partisanen und Widerstandskämpfer in den früheren sozialistischen Ländern nahmen enorm zu, die finanziellen Ressourcen der politischen Arbeit nahmen ab. Gleichzeitig stieg das Durchschnittsalter der ehemaligen Widerstandskämpfer und Verfolgten des Naziregimes. Daher wurde es unabdingbar, die politischen Strukturen der FIR und ihrer Mitgliedsverbände für heutige Generationen zu öffnen. Dieser Prozess wurde auf dem XIII. ordentlichen Kongress in Berlin 2004 abgeschlossen, als die FIR ein neues Statut annahm, das die Einbindung jüngerer Antifaschisten ermöglichte. Seit diesem Zeitpunkt trägt die Organisation den Namen „Internationale Föderation der Widerstandskämpfer – Bund der Antifaschisten“ (FIR). Die Kongresse 2007 in Athen und 2010 in Berlin bestätigten diesen politischen Kurs.

Heute hat die FIR Mitgliedsorganisationen in mehr als 25 europäischen Ländern und in Israel. Die politischen Umstände haben sich verändert, aber die hauptsächliche Aufgabe ist in der Losung „Nie wieder!“ fixiert. Das bedeutet die historische Wahrheit zu bewahren über den Widerstandskampf, über die Realität des Faschismus und die Rolle der Antihitlerkoalition, der alliierten Streitkräfte – unter ihnen die sowjetischen Soldaten, die die Hauptlast des Krieges trugen – bei der Zerschlagung der faschistischen Barbarei.

Basierend auf der Gemeinsamkeit des Kampfes gegen den Faschismus treten die Verbände der FIR heute ein für Frieden, politische und soziale Menschenrechte und Demokratie. Gemeinsam mit den Angehörigen der heutigen Generationen handelt die FIR gegen Neofaschismus, Antisemitismus, Rassismus und Terrorismus und deren soziale Wurzeln.

Dr. Ulrich Schneider, Generalsekretär der FIR